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Das Unternehmen pebe: Mit 40 jünger denn je

Interview
Maurizio Lipari, Geschäftsführer und Inhaber pebe AG. / pebe
In den Siebziger Jahren gründete ein gewisser Peter Baumann in Frauenfeld ein EDV-Unternehmen. Trotz verschiedener Änderungen in der Besitzstruktur wurde glücklicherweise das Wichtigste bis heute nie in Frage gestellt: Die konsequente Ausrichtung auf Effizienz und Kundennähe.

Herr Lipari, Sie sind heute zusammen mit Philipp Smolarz Inhaber und Geschäftsleitung von pebe. Wissen Sie noch, wie das Ganze anfing?

1977 scheint ein gutes Jahr gewesen zu sein (lacht). Jedenfalls wurde damals, kurz nach meinem Geburtstag, die pebe von der Firma Baumer Electric aus der Taufe gehoben. Der Name pebe ist übrigens eine Abkürzung für Paul Baumer, den Mann der ersten Stunde. Und wenn ich richtig informiert bin, haben Sie ihm damals den ersten Kopierer verkauft. Im Jahr 2009 wurde pebe an Complementa verkauft, die aber schon zwei Jahre später selber vor einer Übernahme stand. Für Philipp Smolarz und mich war das die Gelegenheit, das Unternehmen rückwirkend ab 1. Januar 2011 über ein Management-Buy-out zu übernehmen.

Was waren aus Ihrer Sicht die grössten Highlights der ersten Jahre?

Für mich persönlich war die Übernahme der Firma ein Meilenstein. Es braucht Mut und Risikobereitschaft, als Jungunternehmer eine Firma mit 24 Mitarbeitenden zu übernehmen und aus einer nicht ganz einfachen Situation wieder auf den Erfolgskurs zu bringen. Ganz besonders gefreut habe ich mich dann, als die ersten Kundenanlässe in der neuen Konstellation sehr erfolgreich verliefen. Die Kunden scheinen damals gespürt zu haben, dass wir zwei jungen Besitzer dieses KMU wieder stabilisieren wollten, um die nicht unerheblichen Investitionen aller Stakeholders zu schützen. Diese Kontinuität hat auch dazu beigetragen, dass wir mittels dem BMD Wirtschaftsprüfungstool eine hervorragende Zusammenarbeit mit dem Verband ExpertSUISSE etablieren konnten. Mit diesem Werkzeug für Wirtschaftsprüfer können wir dem Treuhänder eine Komplettlösung aus einer Hand anbieten.

Gab es auch Tiefschläge?

Nicht gerade Tiefschläge, von denen blieben wir verschont. Dennoch war die faktische Neuaufstellung eines funktionierenden Teams eine Herkulesarbeit. Die Zusammenarbeit von Menschen ist ein Aspekt, der vor dem Hintergrund der technischen Prozessintegration gern unterschätzt wird. Eine weitere Herausforderung bleibt natürlich, unsere bewährten Lösungen stets technologisch auf dem neusten Stand zu halten. Kein Kunde ist bereit, liebgewonnenen Komfort zugunsten neuer Gadgets aufzugeben. Man darf auch nicht vergessen, dass unsere Software für ein Treuhandunternehmen so essentiell ist wie elektrischer Strom. Es muss einfach immer funktionieren.

Wie positioniert sich pebe heute?

Auf diesem Feld hat sich fast nichts geändert. Wir werden auch in Zukunft Gesamtanbieter von Buchhaltungssoftware inkl. Wertschriftenbuchhaltung und Revisionstools sein. Mit unserem neuen Produkt pebe smart haben wir zudem unsere erste reine Cloudlösung in unser Portfolio aufgenommen, um für Kleinunternehmer eine einfache und kostengünstige Lösung anzubieten. Mit pebesmart kann man intuitiv Rechnungen erstellen, Belege scannen, Kreditoren erfassen und die Daten dann einfach und schnell dem Treuhänder übergeben.

Welches sind die wichtigsten Zielmärkte?

Mit unserem pebeFINANCE Produkt sprechen wir ganz klar alle Treuhänder und deren Kunden, also meistens KMU Firmen, an. Mit unserer BMD Software können wir neben den Wirtschaftsprüfern auch grössere Firmen bedienen, da wir nun auch über ein ausgereiftes und erfolgreiches ERP-System verfügen. Und nicht zuletzt adressieren wir mit der Wertschriftenlösung pebeINVEST neben Treuhändern auch Vermögensverwalter, Family Offices und Pensionskassen.

Sie sind seit der Firmengründung in Frauenfeld ansässig. Wäre es nicht billiger, Software beispielsweise in der Ukraine zu entwickeln?

Keine Frage - billiger wäre es bestimmt. Wir beobachten sehr aufmerksam jene Firmen, die das machen und stellen fest, dass solche Kostenoptimierungsübungen auch Kollateralschäden verursachen. Nicht nur die Qualität leidet, es geht ja auch um andere Werte, die man mit Nachhaltigkeit umschreiben könnte. Wir wollen hier Schweizer Software entwickeln mit Menschen, die hier leben und Steuern zahlen. Zudem beweisen wir ja, dass es mit einer effizienten Organisation und Führung funktioniert. Und erst recht schätzen unsere Kunden die Tatsache, dass sie hier in Frauenfeld anrufen können und in der Landessprache Support erhalten. Bei den ERFA Tagungen bekommen unsere Kunden auch immer wieder die Gelegenheit, direkt mit unseren Entwicklern zu sprechen und sich auszutauschen. Wer sonst bietet so etwas noch an?

Wie haben Sie Ihre Absatzkanäle und Wiederverkäufer organisiert?

Diese Wege sind so kurz, wie es überhaupt geht. Zuständig für den Verkauf sind Philipp Smolarz und ich, also die Geschäftsleitung. Wir reden direkt mit den Endkunden, also nicht gefiltert via Distributoren, die ja in erster Linie an Margen interessiert sind. Nur so können wir unsere Vorstellungen von Qualität, Betreuung und Preisgestaltung überhaupt realisieren. Oder könnten Sie sich einen zufriedenen Schweizer Treuhänder vorstellen, der im Störungsfall ein Ticket ausfüllt, das einen halben Tag später in Weissrussland von einem Studenten bearbeitet wird?

Sie erwarten offensichtlich viel von Ihren eigenen Mitarbeitenden.

Um am Markt erfolgreich zu sein, erwarten wir von unseren Mitarbeitern, dass Sie nach unserem Kompass leben. Wir haben diesen Kompass als Sammlung unserer Wertvorstellungen gemeinsam im Wald draussen erarbeitet, ausgedruckt und gerahmt an die Wand gehängt. Entscheidende Punkte sind der primäre Fokus auf die Kundschaft, Hilfsbereitschaft und Flexibilität.

Kommen wir nochmals darauf zurück: Warum sind Sie persönlich in dieses Unternehmen eingestiegen? Warum nicht anderswo oder mit einer Neugründung?

Zum Zeitpunkt des Management-Buy-out war ich bereits über zehn Jahre bei der pebe. In dieser Zeit habe ich die Software und das Team ins Herz geschlossen und viel Leidenschaft investiert. Das Risiko, dass die pebe an einen Mitbewerber verkauft wird, war damals extrem hoch und hätte mittelfristig den Tod für pebe bedeutet. Ich wollte unbedingt, dass die erfolgreiche Tradition der pebe hier in Frauenfeld weitergeführt wird. Wir sind stolz auf den Status einer erfolgreichen, etablierten Thurgauer Softwarefirma.

Gibt es Dinge, die Sie heute anders machen würden?

Nein, eigentlich nicht. Vor allem erfüllt mich mit Genugtuung, dass die wichtigsten Entscheidungen richtig waren. Und das Wichtigste sind ja immer die Menschen: Partner, Kunden und Mitarbeitende. Mir ist aber klar, dass ein bisschen Glück auch dazu gehört. Zum Beispiel, dass sich das doch recht hohe Risiko damals gelohnt hat. Ob ich heute als Familienvater den Mut hätte, den Vertrag von 2011 wieder zu unterschreiben, bezweifle ich (lacht wieder übers ganze Gesicht).

Herr Lipari, vielen Dank für das Gespräch und nochmals vierzig Jahre Erfolg!

Mit Maurizio Lipari sprach Ruedi Stricker

(Ruedi STricker/pd)
publiziert: Montag, 10. September 2018 / 11:17 Uhr , aktualisiert: Montag, 10. September 2018 / 11:26 Uhr
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